zum vorherigen Artikel:
zum nächsten Artikel:
Review | Kap Bambino - Blacklist
Mi. 26 Mai 2010
VÖ: 18.06.2010
Label: Warner Music
SIE sieht aus wie eine völlig durchgeknallte Debbie Harry auf einem
Destroyer-Trip, ER hat ein Bärtchen und Strubbelhaare und scheint seit
Wochen nicht geschlafen zu haben. Während ER meist hinter seiner
minimalistischen Workstation kauert und irrwitzig krachende
Synth-Kanonaden aus den Boxern schießt, schleudert SIE ihren zierlichen
Körper gegen alles, was auf der Bühne Ecken und Kanten hat. Blut und
blaue Flecken gehören somit zum Standard-Repertoire. Wir reden von
Caroline Martial und
Orion Bouvier, kurz
KAP BAMBINO, die sich mit
einem Wort beschreiben lassen: Explosion. Auf dem diesjährigen
SXSW-Festival in Austin entfachte das Duo aus Bordeux ein wahres
Bühnen-Inferno, das niemanden kalt ließ und die Intro dazu brachte,
sich aus Hunderten von Bands
KAP BAMBINO herauszupicken, um sie ihren
Lesern als heißen Tipp vom Festival zu präsentieren. Und heißer als bei
KAP BAMBINO geht es wirklich nicht mehr.
KAP BAMBINO sind ein stampfender Punkrock-Abkömmling, der das analoge
Zeitalter im Turboformat hinter sich gelassen hat. Es gibt keine
Gitarren und kein Schlagwerk, kein analoges Instrument befleckt den
schneidend verzerrten Sound. Und doch ist ihre Musik das Ergebnis einer
Evolution, deren Entwicklungsstufen von Bands wie Suicide und Nirvana
ausgehen.
KAP BAMBINO nehmen ihren Spirit und jagen ihn durch ein Netz
von Samplern, Synthesizern und Software-Modulen, bis er sich in seine
Einzelteile zerlegt und zu neuer Kraft gefunden hat.
Live auf der Bühne wird das Manifest
KAP BAMBINOs kristallklar: Eine
Vereinigung von totaler Befreiung im Namen der Liebe, ein
Hinter-sich-lassen all dessen, was Grenzen zieht. „Klingt vielleicht
etwas cheesy", grinst Caroline, „aber alles, was wir tun, machen wir,
als wär's das letzte Mal. Jede Show ist wie die allerletzte, und bei
jedem Song, den wir aufnehmen, ist es dasselbe. Wenn wir ein Flugzeug
besteigen, gehen wir davon aus, dass es abstürzt. Das macht unsere
Musik zu dem, was sie ist."
Als das Pärchen sich 2001 auf einer Party das erste Mal begegnete, kam
sofort eine Verbindung zustande, die von Caroline als „elektrisch"
bezeichnet wird. Beide waren bis dahin einen ähnlichen Weg gegangen:
Schlechte Hardcore-Punkbands, DIY-Laptop-Philosophien und Experimente
im Reich der Noisetronica. Und nachdem sie die fast unheimlichen
Gemeinsamkeiten festgestellt hatten, wurde ihnen klar, dass es ihre
Bestimmung ist, ihre Kräfte zu vereinen und Sachen zum Laufen zu
bringen. Erstens ihr Label Wwilko, das seit acht Jahren einer
unglaublichen Ansammlung versprengter, freigeistiger Elektro-Musik ein
Zuhause gibt, und zweitens
KAP BAMBINO.
Es brauchte ein bißchen Überzeugungsarbeit, aber schließlich
überzeugte Caroline Orion davon, dass es gut wäre, ihre Schreie auf die
digitale Schwefelsäure zu setzen, die er aus seinem Laptop absonderte.
Es folgten drei Alben, mehrere EPs und Singles sowie zahllose Gigs, die
die elektronischen Noise-Pop-Lovepunk-Ursuppe auf die Bühne brachten.
Von der frühen Kollaboration
Love (2002), in der Carolines tödliche
Schreie von krispelnder Verzerrung und Orions metallischer Intensität
gewürgt werden, bis zu
Zero Life, Night Vision (2006), die sie mitten
in den Garten der Noise-Rave-Kultur setzte, welche in der Compilation
Digital Penetration ihren Höhepunkt fand. Das führte
KAP BAMBINO durch
ganz Europa, in die USA und nach Japan, wo sie ihre heute legendäre,
Aufruhr schaffende Bühnenshow kultivierten, bis Gazetten wie NME, Dazed
and Confused, Another Magazine und Dummy nicht mehr drumherum kamen,
ihren Namen in großen Lettern zu drucken.
Wo stehen
KAP BAMBINO jetzt?
Blacklist dürfte der mutigste und konsequenteste Schritt sein, den
KAP
BAMBINO bisher getan haben. Vielleicht der schärfste Haken, den sie
bisher geschlagen haben, indem sie in Richtung Pop, oder zumindest so
ähnlich, marschieren. Eigentlich nichts Neues, wie Caroline betont:
„Endlich
KAP BAMBINO wie sie wirklich sind".
Blacklist besteht aus
zwölf Tracks mit aus den Fugen geratenen, Wahnsinn verursachenden
Melodien und pumpenden Rhythmen, die den Trademark-Sound
KAP BAMBINOs
in ein Setting setzen, das sich auch in einem Stadion oder auf einem
Festival- Headlining gut machen würde. Carolines Vocals gehören auf die
Hauptbühne und klangen nie vorher so klar und trotzig zugleich. Während
Orions Produktions-Alchemie wie das Werk eines Orchesters aus Androiden
klingt, das den Soundtrack zu einem finalen Krieg spielt, der zu einem
Armageddon führt. Und wenn man Caroline nach den Inhalten fragt, sagt
sie Dinge wie: „Bat Cave sagt, dass jetzt gerade eine gute Zeit für
Fledermaushöhlen ist. Ein Aufruf an alle Fledermäuse da draußen!" Und
Lezard: „Ich hab einen Fernsehfilm über Echsen gesehen, und ich dachte,
ja, ich würde mich auch gern mal häuten." Ähm, okay, das kann man
nachvollziehen, wenn man sie live sieht: „Es steckt einfach in mir.
Wenn ich auf die Bühne gehe, ist es, als wenn ein wildes Tier aus mir
hervorbricht. Und wenn die Leute das sehen, dann ist das wie eine
Befreiung für alle", sagt Caroline. Und sagt damit alles, was man
wissen muss.
Die erste Single bei uns ist
Dead Lazers, die mit herrlich sinnloser
Gewalt auf die Floors knallt und eine Breitband-Kanonade aus Energie
verschießt. Es ist fast ein Wunder, dass sich aus der
Electropunk-Attacke immer wieder Melodien herausschälen, aber sie sind
da, klar und erkennbar transportiert von einer elektronischen
Dampfhammerwalze.
Noch in dieser Saison wird
Blacklist in Deutschland erscheinen, und am
26. September werden
KAP BAMBINO auf dem Hamburger Reeperbahn Festival
die Prinzenbar auseinandernehmen.
Tracklist:
01. Black List
02. 11:38
03. Dead Lazers
04. Lezard
05. Red Sign
06. Rezozero
07. Batcaves
08. Bluescreen
09. Human Piles
10. Plague
11. Blond Roses
12. Acid Eyes
Homepage:
www.wwilko.com
Myspace: www.myspace.com/kapbambino
Kommentar schreiben
- Benötigte Felder sind mit einem Stern (*) markiert.
zum vorherigen Artikel:
zum nächsten Artikel:
Ähnliche Artikel
8 Jahre! . . . 8 Jahre ist es her, seitdem das letzte Album von SIEGES
EVEN "Uneven" (1997) erschien. Nun melden sich die vier Münchener
furios mit neuem Sänger (Arno Menses), altem Gitarristen (Markus
Steffen) und ihrem mittlerweile sechsten Album zurück. Damalige
Releases dieser Truppe waren mitunter sehr vertrackt und für...>>>
weiter lesen...
VÖ: 24.09.2010
Label: AOR Heaven
Genre: Hard Rock
Autor: Jörg Edelmann
Na endlich mal eine Reunion im Hard/Melodic-Rock-Zirkus, über die man sich echt freuen kann! Das 92er Album "On Target" findet auch heute noch als Gute Laune-Spender regelmäßig in meinen Player. Ganz so einfach war es hingegen nicht mit der Reunion, ein erster Versuch von Sänger David Reece (GYPSY...>>>
weiter lesen...
Der Titel des Albums der Berliner Sängerin und Songwriterin sagt es bereits: Sesel ist laut Bergitta Victor nicht mehr und nicht weniger als eine "Ode an meine Heimat, den Seychellen", einem kleinen Paradies, gelegen im Osten Afrikas, nördlich von Madagaskar.
Die wörtliche "Ode an die Heimat" jedoch findet sich in Victors beiden auf...>>>
weiter lesen...
Das Duo Infernale aka. Pensen und Flozze veröffentlichen ihr Debütalbum.
Das Pack heißt die Band und Rock ist der Inhalt. Auf einem Dutzend Songs toben sich die smarten Herren aus der Hansestadt aus und reanimieren erfolgreich formally verstaubte Rockdevotionalien. Kurz gesagt: Es wird laut!
Faktisch lässt sich das Packgebäude auf drei Säulen stützen: Kompetenz, Originalität und Respektlosigkeit. Denn fraglos beherrschen sie den Umgang mit...>>>
weiter lesen...
VÖ: 25.03.2011
Label: Cooking Vinyl
Das schwedische Trio Peter, Bjorn & John wird am 25. März 2011 via Cooking
Vinyl/Indigo sein mittlerweile sechstes Studioalbum veröffentlichen. Erstmalig
in ihrer Geschichte hat die Band bei den Aufnahmen zu diesem Album mit einem
Produzenten zusammengearbeitet - Per Sunding, einst Mitglied der legendären
Eggstones ("the godfathers of Swedish pop"), wurde mit...>>>
weiter lesen...
VÖ: 19.03.2010
Label: Cobretti Records
Erstes Lied. Minute 1:50. Das Klavier kommt rein. Da hat aber einer zu
sich gefunden. Das ist seine beste Platte. So entfesselt und verliebt
und mutig war er noch nicht. Das ist neu und das macht mich stolz.
Ich
weiß, wie viel inneren und äußeren Druck man sich als schaffender
Musiker aussetzt. Diese scheiß Grabenkämpfe zwischen Selbstzweifel...>>>
weiter lesen...

Den Anfang machen mal Tomte mit Ihrem letzten Album "Buchstaben über
der Stadt", welches Anfang 2006 - auf dem Label von Sänger Thees
Uhlmann - Grand Hotel Van Cleef erschienen ist. Das Album besticht
durch sein sehr hohes musikalisches sowie textliches Niveau und ist
dabei fernab von dem gängigen Mainstream-Sound, den wir in Deutschland
ja leider zu
...>>>
weiter lesen...
VÖ: 02.11.2010
Label: Brew Records
Chickenhawk sind Paul Astick an der Gitarre und dem Mikrofon, Rob Stevens an der Gitarre, Ryan Clark am Bass und Matt Reid am Schlagwerk. Die Band gibt es seit 2005, wobei Chickenhawk zunächst als Trio starteten. Doch als ihre Musik sich zu entwickeln begann wechselte der ursprüngliche Drummer und Sänger Astick an die Gitarre und das...>>>
weiter lesen...
Schreibt eure lustigen, spannenden, Gänsehaut erzeugenden oder auch mal nicht so gelungenen Konzert-Erlebnisse in den Genres Post-Punk, -Rock, Doom, Metal, Instrumental, Noise, Avantgarde und Artverwandtem als Konzert-Bericht. Ebenfalls freuen wir uns immer über die neuesten Album-Reviews eurer persönlichen Favoriten in den genannten Stilarten. Werdet ein Teil des Profilneurotiker-Teams und lasst uns und Andere an euren Erlebnissen und Eindrücken teilhaben! Ab und an besteht auch die Möglichkeit mit verschiedensten Musikern und Bands ein persönliches Interview zu führen. Weiteren Vorschlägen in Form von konstruktiver Kritik oder Vorschlägen gegenüber sind wir natürlich auch immer aufgeschlossen.
Falls Du Interesse daran hast in einem kleinen lockeren Team mitzuwirken, dann keine Scheu, melde Dich einfach über unser Kontaktformular! Wir suchen keine Profis, es reicht wenn Du in ambitionierter Weise Lust am Schreiben verspürst!
Wie ihr wisst haben wir auf unserer Webseite auch eine Rubrik für Album-Besprechungen aus den verschiedensten Genres. Sendet uns bitte keine Alben zur Bemusterung für ein Review auf unserer Webseite ohne vorherige Absprache zu! Wir sind ein ganz kleines Team und können nicht jeder Zusendung gerecht werden. Da wir auch niemanden enttäuschen wollen ist es für beide Seiten das Beste im Vorfeld eine kurze Mail an uns zu richten, wir werden in jedem Fall auf Eure Anfrage reagieren!