Vergangenes Wochenende gab es in der Basilika St. Aposteln zum bereits 7. Mal das Ambientfestival Zivilisation der Liebe zu erleben. Das Festival versteht sich als Schnittstelle zwischen Ambient, Techno und Contemporary Classic und lädt dazu verschiedenste Künstler unterschiedlicher Genres ein, wobei in diesem Jahr insgesamt das Piano dominierte. Das Festival lief unter dem Motto Gaudium et Spes - Freude und Hoffnung!
Wir stießen erst am zweiten Festivaltag, dem Freitag, hinzu und besuchten als erstes das Symposium in der Aula der Basilika St. Aposteln, in welcher zunächst eine Diskussionsrunde zum Thema Die Transzendenz in der Musik statt. Die Diskussion "leitete" der bekannte Radio-Moderator Klaus Fiehe, der für seine Vielschichtigkeit in Sachen Musik bekannt ist. Weitere "prominente" Diskussionsteilnehmer waren Professor Wolfgang Bretschneider und Till Kniola. Die Diskussionsrunde wurde mit einigen Klangbeispielen der Redner untermalt, um Beispiele für Transzendenz in der Musik bereitstellen zu können.Nach rund einer Stunde war die Diskussion beendet, weiter ging es mit einem sehr ruhigen "Konzert" des Pianisten John Tilbury, der von Marcus Schmickler begleitet wurde.
John Tilbury begann mit sehr ruhigen Klavierklängen, zwischenzeitig wurde auch der Innenraum seines Flügels durch Klopfen genutzt oder die Saiten wurden einfach mal per Hand gezupft, gestreichelt oder was auch immer, um diesen Klänge zu entlocken. Marcus Schmickler hingegen schickte Knistern, Knacken, Surren und andere seltsame Töne durch die Boxen, die sich zu Tilburys Piano-Geräuschen mischten. Insgesamt eine sehr ruhige Angelegenheit, die das Thema der Diskussion zuvor quasi zum Vorbild nahm und den geneigten Zuhörer, sofern er sich darauf einlassen wollte oder konnte, in die Transzendenz schickte.
Nach diesem ruhigen Auftakt des zweiten Festivaltages galt es drei Stunden zu überbrücken, bis es in der Basilika selbst weiter ging. Den Abend eröffnete Klaus Fiehe mit einem DJ-Set, in welchem er unterschiedliche Musik elektronischer Couleur präsentierte. Er selbst wirkte irgendwie beeindruckt und ehrfürchtig vor der Kulisse der Basilika St. Aposteln, die eine ganz eigene und mystische Atmosphäre ausstrahlt. Hinzu gesellten sich Projektionen, die über die Wände der Basilika huschten. Insgesamt aber waren die Illuminationen in diesem Jahr nicht so umwerfend wie im Jahr zuvor, seinerzeit wurde der gesamte Kirchen-Innenraum mit einem Gitternetz durchzogen, in welchem dann 3D-Objekte umher schwirrten. Aber OK, wir vermuten dass diese Form der Projektion sehr aufwändig und sicher auch kostspielig gewesen ist, und eine stumpfe Wiederholung des Ganzen war sicher auch nicht im Sinne des Veranstalter E'de Cologne. Dennoch erzielten die Projektionen hier und da ihre Wirkung und verschmolzen schön mit der dargebotenen Musik der DJ's und Musiker!
Nach rund einer halben Stunde beendete Klaus Fiehe sein Set und anschließend betrat der Pianist Greg Haines aus London bzw. Berlin die "Bühne" der Basilika und nahm hinter seinem Flügel Platz. Haines kombiniert in seiner an diesem Abend rein auf dem Flügel basierte Musik Minimal, Klassik, Elektroakustik und Musique Concrète, und dies in einer sehr eindrucksvollen Art und Weise. Auch er verstand es hin und wieder ein Gefühl der Transzendenz herzustellen und verzauberte das Publikum unter Zuhilfenahme der tollen Akustik in der Basilika, die ihn selbst begeisterte! Greg Haines spielte noch eine kurze Zugabe, eben wegen dieser tollen Akustik, und verabschiedete sich nach circa einer Stunde vom Publikum. Als weiterer Künstler war für diesen Abend noch der Belgier Sylvain Chauveau mit seinem Projekt 0 (Zero) angekündigt, dessen Auftritt wir aber verpassten.
Der Samstag startete dann erst am Abend um 21 Uhr in der Basilika St. Aposteln, angekündigt waren der Musiker Jörg Burger aka Triola, gefolgt von Nils Frahm und Peter Broderick. Am Abend zuvor war der Andrang in die Basilika noch nicht ganz so groß ausgefallen, doch an diesem Abend bot uns sich bei Ankunft an der Basilika ein komplett anderes Bild, welches ansatzweise an unseren Besuch im Vorjahr zum Auftritt von Phantom/Ghost erinnerte. Die Schlange der Menschen, die um Einlass in die Basilika begehrten, zog sich etliche Meter und ließ uns erst mal staunen. Nun gut, mit Nils Frahm und Peter Broderick waren ja auch zwei sehr namhafte Künstler der Neo-Klassik im weitesten Sinne geladen, doch mit diesem enormen Andrang hatten wir dann doch nicht gerechnet! Wieder einmal ein Beweis für die Aufgeschlossenheit des Kölner Publikums gegenüber "andersartiger" Musik jenseits des Mainstreams, sehr sympatisch!
Nach langem Anstehen wurden die Karteninhaber vorab hinein gelassen, einen guten Platz für ansprechende Fotos zu finden war aber aufgrund der Situation im Innern der Basilika nicht mehr gegeben. So entschlossen wir uns, uns ganz und gar auf die Musik der Künstler zu konzentrieren und uns mittragen zu lassen. Jörg Burger aka Triola ist im Kölner Raum schon ein Urgestein, mit seinem Elektro-Projekt The Modernist ist er nun schon seit vielen Jahren aktiv in der Szene dabei. Als Triola widmet er sich eher dubbigem Ambient verknüpft mit leichter Rhythmik. Seinen Auftritt konnten wir leider nur nebenbei verfolgen, da zu Beginn aufgrund des großen Andranges noch etwas Unruhe in der Kirche herrschte, da viele Menschen noch nach einem Platz in der Basilika St. Aposteln suchten. Insgesamt aber gefiel uns das, was Triola dort ganz weit vorne an Klängen in die Kirche schickten! Ein weiterer Besuch eines seiner Konzerte ist sicherlich lohnenswert!
Als zweiter Künstler kam dann der Berliner Nils Frahm zum Zuge, und auch er beschränkte sich größtenteils wie am Abend zuvor schon Greg Haines auf seinen Flügel. Wobei bei Frahm auch noch weitere Synthies mit zum Einsatz kamen! Nils Frahm gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Vertreter der Neo-Romantik, sein Spiel am Piano weiß den geneigten offenen Zuhörer durchaus zu fesseln! Uns gefiel sein Auftritt äußerst gut, zumal wir seine Werke nur durch eine kurzen Recherche bei youtube am gleichen Tag her "kannten". Er setzt teils auf ungewöhnliches Spiel seines Instruments, schickt das Piano auch gerne durch Effekte (vorrangig Hall und Echo), und man sieht ihm - auch aus der genannten großen Entfernung zu ihm selbst - seine Spielfreude förmlich an! Auch Frahm war von der Kulisse der Basilika St. Aposteln merklich beeindruckt, seine wenigen Ansprachen ans Publikum kamen immer flüsternd daher. Und auch hier trugen die Projektionen dazu bei, aus diesem Konzert ein außergewöhnliches Erlebnis in ungewöhnlicher Atmospähre werden zu lassen! Kurz vor Ende gesellten sich Peter Broderick und Greg Haines zu Nils Frahm hinzu und spielten einen kurzen Song zu Zweit am Flügel, Broderick bediente einen der Synthies. Beim letzten Song spielten Frahm und Broderick gemeinsam ein Stück, die Beiden kollaborieren ja ohnehin häufiger miteinander und haben auch bereits ein gemeinsames Album aufgenommen. Hier spielte Peter Broderick seine Violine, und die Kombination aus Frahms Pianospiel und der Geige von Broderick war schon fast göttlich! Ein sehr schöner Abschluss eines überzeugenden Konzertes von Nils Frahm, den wir uns auf jeden Fall irgendwann noch einmal anschauen werden!
Nach einer kurzen Pause betrat als letzter Künstler des Abends in der Basilika St. Aposteln Peter Broderick die "Bühne". Der Musiker aus Montreal bzw. Berlin ist Multiinstrumentalist, er beherrscht das Spiel an der Violine seit seiner Kindheit, daneben spielt er Gitarre, Banjo, Mandoline und singende Säge(!), welche auch an diesem Abend in beeindruckender Art und Weise und im Zusammenspiel mit Nils Frahm zum Einsatz kam! Und natürlich nicht zu vergessen ist die unglaubliche Stimme von Peter Broderick, die fast schon engelsgleich erscheint! Im Gegensatz zu dem bisher erlebten Programm des Ambientfestivals setzte Broderick hier seine Stimme auch ein, was ein schöner Kontrast gewesen ist. Und er kann es sich auch erlauben! Insgesamt war sein Auftritt stilistisch sehr gemischt, so wechselten sich neo-klassizistische Stücke mit folkigen Klängen und teils auch klassischen Balladen ab, was dem Ganzen aber absolut keinen Abbruch tat! Besonders beeindruckend empfanden wir den Einsatz des Loopers mit seiner Stimme bei einem Song, bei welchem er eine Zeile des Refrains einsang, darauf direkt die zweite und dritte und vierte Stimme mit leicht unterschiedlicher Intonierung sang und anschließend an seiner Gitarre weiter spielte. Der aufgenommene mehrstimmige Gesang kam dann im Refrain wieder zum Einsatz, ein absolut toller Moment, der uns Gänsehaut verschaffte!
Während Brodericks Auftritt gesellte sich sein Kumpel Nils Frahm ebenfalls für einige Stücke hinzu und man merkte deutlich, dass die Zwei schon häufiger miteinander arbeiteten und dabei merklich Freude an den Tag legen! Das Finale bestritten die Beiden zusammen, und der absolut gerechtfertigte frenetische Applaus des Publikums veranlasste die zwei Musiker dazu noch ein Stück ihres Projektes Oliveray zum Besten zu geben. Ein toller Abschluss zu einem wunderschönen Konzertabend, den Dietmar Saxler und E'De Cologne zusammen gestellt haben!
Im Anschluß gab es noch im Gloria direkt um die Ecke eine technoide Party im Rahmen des Ambientfestivals Zivilisation der Liebe zu erleben, doch dieser wohnten wir nicht mehr bei! Und leider konnten wir auch an dem Abschlußabend nicht teilnahmen, für den noch die beiden Pianisten Hauschka und Lubomyr Melnyk als auch das ensemble-son-et-lumière angekündigt waren. Dies war sicherlich ein wunderbarer Abschluss für das Ambientfestival im Jahre 2012! Auf zum nächsten Jahr mit abermals spannenden Künstlern, interessanter Musik in spektakulärer Atmosphäre!
Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an den Veranstalter Dietmar Saxler und das Team von E'De Cologne!
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