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Haldern Pop Festival 2007 Konzertbericht
So. 29 Juni 2008
„Haldern Pop“ hat sich im 24. Jahr längst zu einer Institution etabliert für Kenner, die
entdeckenswerte Musik, fernab kommerzieller Zeitgeistflüchtigkeiten zu schätzen wissen.
In diesem Jahr stand das Open-Air-Festival auf dem Alten Reitplatz am Niederrhein unter dem Motto
"Die Ohnmacht der Möglichkeiten...".
Haldern Pop Festival 2007 - Donnerstag
Was alles möglich sein kann, bewies donnerstags zur Eröffnung auf der Zeltbühne die eher
unbekannte Engländerin „Kate Nash“ mit eingängigem Indie-Rock auf Geige, Gitarre und Klavier.
Denn mit ihrem gelungenen Festival-Einstand fand sie schnell neue Anhänger.
Die völlig aufgedrehten „Grand Island“ spielten im Anschluss die punkigen Rock’n’Roll-Songs
ihres Albums „Say No To Sin“, das auf dem eigenen Label des Festival-Veranstalters
erschienen ist. Dem textsicheren Publikum nach zu urteilen, kamen die Songs des
norwegischen Quintetts bestens an.
Hinter „Get Well Soon“ steckt das Expressions-Talent Konstantin Gropper, der die
Lebensart der Bohème neu entdeckt zu haben scheint. Sein siebenköpfiges Begleitorchester
gestaltete die emotionalen Pop-Dramen zum üblichen Instrumentarium noch nostalgisch
mit Geige, Trompeten und Akkordeon aus.
Mit drei Akustik-Gitarren und beeindruckend weit gereiztem Satzgesang, setzten anschließend
die sechs Londoner von „Tunng“ einen angenehm neofolkloristisch angehauchten Akzent.
Besonnen und kraftvoll zugleich, erzeugte ihre Musik eine ihr eigene Stimmung.
Danach boten “Two Gallants” ein dankenswerterweise nicht immer gerade „galantes“
Schlagzeug/Gitarren-Experiment. Eine Band-Besetzung, die sich allzu offensichtlich am
Bild der „White Stripes“ orientiert – allerdings in einer gänzlich eigenständigen
Interpretation.
Die exzentrische Belgierin „An Pierlé“ trieb mit ihrer Band „White Velvet“ die
Kontrast-Amplitude lässig noch ein ganzes Stück weiter nach oben. Die schrille
Chansoneuse weckte mit ihren Piano-Kompositionen Erinnerungen an Kate Bush.
Weit nach Mitternacht beschlossen die Österreicher Naked Lunch den großen Festival-Auftakt
mit leicht melancholisch, depressiven Rockklängen. Die Arrangement-Dichte ihres aktuellen
Albums „This Atom Heart Of Ours“ wurde von dem Trio dank Synthesizer erstaunlich
originalgetreu in den Live-Sound eingebunden.
Haldern Pop 2007 - Freitag
Nachdem der zweite Festivaltag traditionsgemäß von zwei „Zippo Talent Acts“ gestartet
wurde, tönten die lärmigen Brakes aus Südengland am frühen Nachmittag über die
beschauliche Publikumsmenge im Spiegelzelt hinweg und verboten damit den Langschläfern
vom Vortag eine allzu lange Ruhephase. Weil der Song "Cheney" nur etwa
eine halbe Minute lang war, spielten sie ihn geflissentlich zweimal – sehr zur
Erheiterung aller Anwesenden.
Auf der Hauptbühne startete dann die Brit-Pop-Formation „Ripchord“ mit einer starken
Eröffnungsnummer, deren entfachte Begeisterung sie im weiteren Programmverlauf leider
nur noch durch mitreißende Selbstüberzeugung aufrecht erhalten konnten.
Auch der Puerto Ricaner Gabriel Rios konnte zum prächtigen Kaiserwetter mit seinem
Multikulti-Musik-Mischmasch die gute Stimmung aufrecht halten, reichte aber vom Charakter
kaum über das Niveau eines Anheizers hinaus. Ab da wurde das Konzert auch vom WDR-Rockpalast
mitgeschnitten.
Die Dresdner Newcomer „Polarkreis 18“ wurden ihrem vorauseilenden Ruf gerecht und
schränkten einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Auftrittszeit durch Soundcheck ein.
Der Rest der Zeit wurde mit gefälligen Rocksongs und eigensinnigem Kopfgesang ausgefüllt.
„Paul Steel“ servierte zeitgenössischen Radio-Rock, der allen Standards eines Profis
entsprach. Allein um den Willen einer Nachhaltigkeit wäre allerdings ein deutlicher
ausgefeilter Charakter seiner Songs erforderlich.
Kurz und schmerzlos trieben anschließend „The View“ ihre unverdrossenen Indie-Punk-Songs mit
Hit-Potenzial über die Bühne.
Ein zweifelloser Publikumsmagnet war „Jamie T“, dem es gelang, die Konzentration vor der
Bühne deutlich zu verdichten. Mit seiner Band mischte er einen interessant kombinierten Stil
aus Punk und R'n'B mit modernen Samples aus Drum'n'Bass.
Die beiden Geschwisterpaare „The Magic Numbers“ entwickelten die Magie in ihren Nummern aus
samtweichen Retroklängen und zuckersüßem Gesang. Die geistigen Töchter und Söhne der
„Mamas And The Papas“ entfachen damit eine lodernde Happy-Hippi-Hallelujah-Stimmung
zum glückseeligen Mitklatschen. Bei konzentriertem Hinhören ließ sich eine exorbitante
Detailauthentizität entdecken, für den die meisten, oberflächlich vergleichbaren
Combos überhaupt keinen Sinn haben.
Bildquelle:
popconnection.de
„Spiritualized Acoustic Mainlines“ ließen Ruhe in den Halden-Gefielden einziehen.
Psychedelische Klänge aus Keyboards, Streichern und Chorgesang mit spirituell anmutenden
Texten, sorgten für eine entspannte Atmosphäre.
Die Irisch/Schottischen Folk-Rock-Veteranen „Waterboys“ setzten schließlich den zünftigen
Schlusspunkt auf der Hauptbühne und waren dabei wenig auf ihr Hit-Repertoire mit
„The Whole Of The Moon“ oder dem „Fisherman's Blues“ angewiesen, sondern konnten
auf die Überzeugungskraft ihrer Spielenergie bauen.
Im Nachhinein war das Programm vom Veranstalter eher suboptimal auf den beiden Bühnen
verteilt. Denn die intimere Zeltatmosphäre wäre der Stimmung und dem Zuspruch der
„Spiritualized Acoustic Mainlines“ sicher nicht abträglich gewesen, während im Gegenzug
für das Interesse an den „Maccabees“ das Spiegelzelt entschieden zu klein war und nicht
wenige Fans enttäuscht außenvorblieben und sich mit dem Blick auf die Videoleinwand
von der Partystimmung im Inneren begnügen mussten.
Im Anschluss konnte das Publikum einen sehr ausgelassenen „Patrick Watson“ am
Piano erleben, wie er leidenschaftlich seine Mischung aus Jazz, progressivem
Rock und Klassik in bekömmlicher Poppigkeit zelebrierte, oder in den intimsten
Momenten ein paar Songs auf der Akustikklampfe inmitten des Publikums anschlug.
Das Brüderpaar Thomas and Alex White rekrutierte mit seiner Band als “The Electric Soft
Parade” Songs aus heiter melancholischem Emo-Rock und Surfer-Mucke, die sie mitreißend
auf der Spiegelzeltbühne auflaufen ließen.
Eine zu so später Stunde leider viel zu wenig bemerkte exquisite Besonderheit, boten zum
Tagesfinale die Dänen „Under Byen“. Sie verzichteten bei ihrer „Rockmusik“ auf die
üblichen Standards und spielten mit so illustrer Instrumentierung wie Klavier, Orgel,
Cello, Geige und elektronisch verzerrter Singender Säge.
Haldern Pop 2007 - Samstag
Am hochsommerlichen Festival-Samstag bereiteten wieder zwei „Zippo Acts“ den
Frühschoppen im Spiegelzelt.
Als erstes ließ ab 13 Uhr auf der Hauptbühne das Schweizer Grunge-Rock-Trio „Navel“
seine trockenen Riff-Gewitter vom Stapel. Schnörkellos geradeaus, ehrlich und wild.
Auffallend die Bassistin Eve, die mit ihrem Bühnengehabe ihren beiden wüsten Mitstreitern,
Gitarrist und Sänger Jari und Drummer Steve Valentin, in nichts nachstand.
Beschaulicher ging es da bei den Norwegern „Serena Maneesh“ zu. Kalküle Improvisation
oder hilfloses Chaos? Ihr ekstatisches Gothic-Konglomerat in psychedelischem Fluss
hinterließ das Publikum begeistert wie ratlos.
Ihren Auftritt auf der Hauptbühne hatten „Friska Viljor“ offenbar dem massiven Dafürhalten
der Besucher auf www.haldern-pop.de zu verdanken. Entsprechend gut frequentiert war denn
auch die Darbietung des schwedischen Elektro-Polka-Sextetts mit seiner schrägen Mischung
aus Folklore-Elementen und hysterischen Mitgröl-Refrains. Das verbreitete Hochgefühl
dankte das Publikum mit reisendem Absatz ihrer Merchandising-Artikel.
Die Texaner „Voxtrot“ gönnten dem Publikum etwas mehr Ruhe mit ihren fröhlichen
Pop-Schnittchen – wenngleich sie auch live herzhafter zur Sachen gingen als dies
ihr selbstbetiteltes Debüt-Album hätte erwarten lassen.
Die beiden Schweden John Engelbert und Ossi Bonde sind wieder eines dieser
Gitarre/Schlagzeug-Duos, und lassen ihre Ideen als „Johnossi“ verschmelzen.
Dabei ist John bemüht, durch unzählbar viele Effekte seine Akustikgitarre nicht
mehr als solche erkennen zu lassen. Mehr Effekte als Harmonien ließen ihre kleinen
musikalischen Erfindungen ein bisschen kontrastarm wirken. Doch dank ihrer
Unverdrießlichkeit schien das Publikum bereitwillig darüber hinwegzusehen.
Bei den Indie-Poppern „Malajube“ kam leider ein wenig der Wind aus den Segeln.
Vielleicht hatte sich ein Publikumsgroßteil bei den antreibenden Friska Viljor oder
Johnossi zu sehr verausgabt. Die frühabendlich anhaltenden Hitze leistete ein Übriges,
den sympathischen Frankokanadiern nicht gerade Hochkonjunktur zu verschaffen.
In französisch gemütlicher Gelassenheit, zugleich auf fesselnde Art unterhaltsam,
ist die theatralische Dynamik von "La Monogamie" ein Höhepunkt, der auch schon auf
ihrem frisch erschienen Debüt „Trompe L'Oeil“ am meisten überzeugte.
Die Band „Architecture in Helsinki“ entpuppte sich als gelebter Zuckerstangen-Pop. Acht
Multiinstrumentalisten, die sich zur gezupften, geschlagenen und geblasenen
Klangerzeugung allem bedienen, was nicht bei Drei auf den Bäumen war. Eine
latente Genialität, die sich mit scheinbarer Unperfektheit tarnte, wie ein durch
Kitsch verharmlostes Voodoo-Ritual. Außerdem haben diese Australier mit Architektur
und Helsinki so viel gemeinsam wie die Leningrad Cowboys mit russischer Pferdezucht.
Wieder einen Bonus, den das Haldern Pop Festival in seiner Chronik der Kuriositäten verbuchen darf.
Mit „Loney, Dear“ näherte sich ein verhältnismäßig unbekannter Act der Headlinerposition,
der erst mal zwei Gänge zurückschaltete. Sanfte Rhythmusführung und Harmoniegesang in
Eunuchen-Tonlage oktroyierten geradezu den Vergleich mit den Bee Gees. Dadurch spaltete
sich das Publikum in Gutfinder, die im Schatten relaxten und andere, die genervt das Weite
suchten und die Gelegenheit nutzten, die Futterkrippen anzusteuern.
Als vierte Formation aus dem Land der Elche, verteidigten die „Shout Out Louds“ den guten
Ruf der Popmusik ihrer Nation. Wie eine Ansammlung der fröhlichsten Momente von „The Cure“,
klangen ihre leicht naiven Melodien im New Wave-Sound. Mit so viel guter Laune war natürlich
die ideale Grundlage vorgegeben für den großen Headliner.
Zu „Jan Delay & Disko No. 1” muss wohl am wenigsten erläutert werden. Viele Haldern-Fans
äußerten sich im Vorfeld argwöhnisch über den Hamburger mit der nasalen Stimme, ob
seiner zweifelhaften Kredibilität: Zu HipHop und zu kommerziell, lauteten die Hauptattacken.
Delay wusste sehr wohl um die Diskussionen um ihn im Vorfeld, deklarierte seine Formation
ironisch als „Neue Indie-Rock-Hoffnung aus Schleswig-Holstein“ und lieferte im Laufe des
Abends noch so manche Spitze zu diesem Thema. Aber im Gesamten wurde er begeistert empfangen
und bot ein erwartungsgemäß schwungvolles Entertainer-Feuerwerk der guten Laune.
Etwa zur gleichen Zeit dröhnten drinnen im Spiegelzelt „The Drones“ los. Ungeschliffener,
australischer Country-Blues-Rock als Alternative für alle, die sich von Jan Delays
hochglanzpolierter Partymucke nicht überzeugen lassen wollten.
Mitten in der Geisterstunde erschienen dann die „
Ghosts“ im Spiegelkabinett. Da die vier
Londoner Durchstarter noch bis November 2006 unter dem Namen „Polanski“ musizierten,
hatten sie außer den Songs ihres aktuellen Albums „The World Is Outside“ auch einiges
aus vergangenen Jahren zu zitieren.
Das Festival endete keineswegs als müdes Verblassen. Im Gegenteil:
das Haldern erstrahlte
zum Schluss mit einer letzten, handfesten Überraschung!
„Duke Special“ – ein
hochkarätiges Nostalgie-Juwel, funkelte frisch im lange verschollenen Oldtimer-Stil,
aus der Zeit des ersten Quartals im letzten Jahrhundert. Dixi-Klänge und Varieté-Stimmung,
wunderschön vom siebenköpfigen Grammophon-Orchester umgesetzt, in einem Outfit wie Sergeant
Pepper und die Zigeunerbarone. Duke Special waren mit ihrer Neuzeit-Adaption über jeden
Zweifel erhaben und bestätigten live, was die Single-Kollaboration “Our Love Goes Deeper
Than This” mit Neil Hannon (Devine Comedy) schon erahnen ließ. Allerdings stünden dem
Duke Gehrock und Zylinder besser zu Gesicht als Dreadlocks und Uniformjacke vom Flohmarkt.
Gegen drei Uhr in der Frühe bereiteten schließlich „
The Earlies“ den Kehraus. Eine gar nicht
so undankbare Aufgabe für eine Band, diese herrlich melancholische Sperrstunden-Atmosphäre
auszukosten. Die verbliebene, beschauliche Publikumsgruppe verharrte zu den psychedelischen
Experimentalklängen von The Earlies und ließ noch einmal die vielen einzigartigen
Festival-Impressionen Revue passieren.
Eines ist gewiss: Unter den rund 7000 Zuschauern fuhr keiner unzufrieden nach Hause bei
diesem breiten und exklusiven Musikspektrum. Man darf gespannt sein, was sich die
Veranstalter fürs 25jährige Jubiläum nächstes Jahr ausdenken.
Anmerkung der Redaktion: Vielen Dank an popconnection.de für die zur Verfügung
gestellten Konzertbilder!
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