Regelmäßig beehren die amerikanischen Progmetal Pioniere die Landeshauptstadt, doch diesmal ist nicht alles wie gewohnt. 2010 verkündet Schlagzeuger und bisheriges Zugpferd der Gruppe Mike Portnoy seinen Austritt. Ein erster Schock, so unerwartet. Wie soll es mit DREAM THEATER weiter gehen? Zerbricht die Band an dem Verlust? Ist es eine Chance abgenutzte und gewohnte Pfade zu verlassen?
Mittlerweile weiß man mehr. In einem Casting mit der Crème de la Crème der Schlagzeugwelt wurde nach einem Ersatz gesucht. Noch vor Marco Minnemann, Virgil Donati, Thomas Lang konnte der an dem Berklee College of Music lehrende „Professor" Mike Mangini sich durchsetzen. Eine Wahl auf Sicherheit: so war es der Band wichtig, das alte Material so authentisch wie möglich wiedergeben zu können und keine großen Veränderungen zu riskieren. Mittlerweile steht schon das erste Album mit Mangini, „A Dramatic Turn of Events" in den Läden und bietet gewohnte Kost auf hohem Niveau. Nun blieb nur noch die Frage offen wie sich die Band live ohne Spaßkasper Portnoy geben würde.
Doch vorher präsentierten sich noch PERIPHERY. Wir konnten diese Band schon Anfang 2011 im Kölner Underground vor deutlich weniger Publikum auf kleiner Bühne bewundern (Konzertbericht zu Periphery). So war man sehr neugierig, wie die extrem gehypten Djent-Superstars auf der riesigen Bühne der Mitsubishi Electric Hall als Vorband agieren würden. So ganz zur Hauptband passt der harte und unruhige Stil ohnehin nicht. Klar, beide sind progressiv, abwechslungsreich und frickelig. Aber gerade die geshoutete Passagen von Sänger Spencer Soleto dürften den etwas betagteren Fans von DREAM THEATER zu schaffen gemacht haben. Deutlich erschwert wurde es dem Publikum dadurch, dass der Sound wie üblich bei DREAM THEATER Vorbands, sehr undifferenziert über die Lautsprecher kam und die Lichtshow aus statischem weißem Licht bestand. Da kommt in mir immer die Frage auf, warum das so sein muss. Wenn PERIPHERY mit ins Boot geholt werden, weil Teile der Hauptband die Musik mögen, dann sollten die ihre Schützlinge doch versuchen bestmöglich zu unterstützen. Also einfach dafür sorgen, dass die vernünftigen Sound und eine angemessene Lichtshow bekommen.
Genug davon, es geht ja eigentlich um die Musik. Und das was sie machen, können die sechs Musiker aus Maryland auch! Die drei Gitarristen verstehen es komplizierte Rhythmen und schnelle Läufe zu verbinden. Der Bass unterstützt all dies gekonnt mit einer fetten Basis und bricht auch gerne mal aus, um flink in den hohen Lagen mitzuspielen. Was man dem schlechten Sound geschuldet allerdings eher zu sehen als zu hören bekam. Erwähnenswert ist auch die beeindruckende Leistung von Matt Halpern am Schlagzeug. Der Mann zimmert krumme Takte zusammen und grooved, dass es eine wahre Freude ist. Zusammen mit dem zwischen cleanen melodischem und harten shoutigem variierenden Gesang bildet sich ein komplexer und abwechslungsreicher Gesamtsound. Nach knapp 40 Minuten war gegen 20 Uhr ein guter Auftakt vorbei, der aber wohl nicht alle Zuschauer aufgrund des Sounds, Lichtshow und Kompabilität mit der Hauptband wirklich überzeugen konnte.
Als dann die Lichter für DREAM THEATER aus gehen, fühlt man sich wie eh und je, auch ohne Portnoy. Ein Stimmungsvolles Intro wird von einem Comic begleitet auf drei Kuben projiziert und das riesige Schlagzeug von Neumitglied Mike Mangini thront bedrohlich im Zentrum der Bühne. „Bridges in the Sky" ist ein guter Opener für das Konzert. In blauem Licht gehüllt betreten die Instrumentalisten zuerst die Bühne. Es braucht nicht lange um die gut gefüllte Halle mit dem harten Einstiegsriff in Bewegung zu versetzen. Bei aller Komplexität haben DREAM THEATER es verstanden, gerade bei harten Passagen einen packenden Groove zu spielen. Sänger James Labrie kommt bei diesem Titel auch gut ins Konzert rein und muss nicht wie bei älteren Songs direkt in die kritischen hohen Töne einsteigen. Die gesamte Band wirkt auf der Bühne befreit und hat offensichtlich Spaß. Damals mit Mike Portnoy hatte man oft das Gefühl, es ist eine Portnoy Show und alle anderen Musiker ordnen sich unter.
Mittlerweile ist aus DREAM THEATER eine gute Showband geworden. Sie beschränken sich nicht nur darauf ihre Musik gut zu spielen sondern bieten auch etwas für das Auge. So hat Keyboarder Jordan Rudess bei jeder Tour ein neues Spielzeug dabei. Diesmal wurde sein Stativ so umgebaut, dass er sein Instrument in alle Richtungen kippen kann und spielt seine Soli in Rockstar würdiger Haltung auf seinem, dem Publikum zugewandten Keyboard. Als Technik-Nerd hat Rudess auch wieder allerhand Spielzeug dabei und erzeugt manche Sounds auf seinem IPad ähnlich aussehenden Touchscreen oder lässt eine Projektion auf den Leinwänden erscheinen, die zeigt was er gerade spielt. Da viele Fans auch gerade aufgrund der hohen musikalischen Qualität der Musiker auf ein DREAM THEATER Konzert gehen ist es sehr gut, dass vor allem bei solierenden Musikern kleine Kameras das Instrument und die Flitzefinger der Akteure auf die Leinwand werfen. Die bunt gemischte Setlist schien dem Publikum gut zu gefallen. Etwa bei „6:00" vom „Awake" Album oder „Surrounded" von „Images and Words" bricht nach den ersten erkennbaren Fragmenten lauter Jubel aus.
„Der Neue" darf sich auch ausgiebig in Form eines gefühlt 10 minütigem Drumsolo vorstellen. „Professor Mangini" beweist hier eindrucksvoll warum er als weltklasse Schlagzeuger gehandelt wird. Wenn man sieht, wie er einhändig schneller auf die Trommeln eindrischt, als manch einer es nicht mal mit beiden Händen schafft, glaubt man schnell, dass Mangini fünf Rekorde im Schnell-Schlagzeugspielen aufgestellt hat.
Als besonderes Schmankerl flechtet die Band in der Mitte des Sets zwei akustisch dargebotene Songs ein. Das wohl live fast nie gehörte „Wait for Sleep" kann durchaus, auch dank des oftmals kritisch beäugten James Labrie, überzeugen. Labrie scheint an diesem Abend sowieso befreiter als früher. Man hörte immer wieder, dass Portnoy damals meistens die Setlists erstellte und Labrie damit stimmlich oftmals an der Grenze agieren musste. Heute ist seine Stimme noch immer eine Geschmacksfrage, aber er wirkt weniger gequält und lebt das auch durch viel Bewegung auf der Bühne aus, schwingt sein Mikrostativ wild im Kreis und ist einfach mal Frontmann.
Das zufrieden wirkende Publikum wird noch mit „As I Am" belohnt und nach gut zwei Stunden Musik gehen die Lichter wieder an. Etwas erstaunt verlässt man die Halle: bei früheren Konzerten gab es gerne noch mal 30 Minuten mehr Musik als Dreingabe. Das lässt sich aber aufgrund des eh schon sehr langen Konzertes gut verkraften.
DREAM THEATER sind also auch ohne Mike Portnoy noch die gleiche Band. Wirken sogar umso mehr als eine Einheit. Es ist jedoch auch kein Schritt nach vorne. Man bewegt sich wie schon seit Jahren konstant auf hohem Niveau, wagt wenig, aber bietet gewohnt gute Kost. Als Fan der Band hat man auch live nichts zu meckern und es bleibt einfach zu hoffen, dass die Band einen in Zukunft vielleicht noch einmal so richtig überraschen und umhauen kann. Die Basis dafür hätten sie ja.
Bridges
in the Sky
6:00
Build Me Up, Break Me Down
Surrounded
The Dark Eternal Night
Drum Solo
A Fortune in Lies
Outcry
Acoustic:
Wait for Sleep
Far from Heaven
On the Backs of Angels
War Inside My Head
The Test that Stumped Them All
The Spirit Carries On
Breaking All Illusions
Encore:
As I Am
Setlist Quelle: Setlist.fm
Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an das concert team nrw für die freundliche Unterstützung!
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