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Nachdem schon im Januar Bandkollege Scott Kelly ein sehens- und hörenswertes Konzert in der Dechenhöhle in Iserlohn gegeben hat stand nun vergangenen Donnerstag, den 1. April 2010, sein Bandkollege von Neurosis, nämlich Steve von Till, auf der "Bühne" der Dechenhöhle, um Songs seines Soloprojektes Harvestman zu präsentieren. Als Support hatte sich Steve von Till keine geringeren als die Belgier von Amenra eingeladen, welche ein exklusives Acoustic-Set in der Höhle zum Besten gaben.
Die Anreise aus dem nicht all zu weit entfernten Ruhrgebiet nach Iserlohn verlief recht problemlos, wir hatten ja zum Glück auch nicht mit den Schneemassen zu kämpfen, die im Januar schon den gesamten Märkischen Kreis unter sich begraben hatten. Dennoch war es beim Ausstieg aus dem Auto in Iserlohn merklich kühler als zuvor im Ruhrpott. Wir hielten ein paar Meter entfernt von der Location und gingen einen recht steilen Fußweg hinauf zu dem Gebäude, welches das Museum der Dechenhöhle beherrbergt. Vor diesem schönen alten Gemäuer hatte sich schon eine Vielzahl schwarz gekleideter Musikliebhaber versammelt und alle warteten gespannt auf den Einlass zu diesem außergewöhnlichen Spektakel!
Pünktlich gegen halb acht ertönte dann auch aus den Lautsprechern, die wohl zum Museum zu gehören scheinen, eine Ansage, dass der Einlass zum Konzert mit Amenra und Steve von Till nun beginnen würde. Also begaben wir uns in Richtung des Höhleneinganges und bahnten uns den Weg zum Ort des Geschehens innerhalb der Höhle, welcher ca. 200 Meter vom Eingang der Dechenhöhle entfernt lag. Der Weg dorthin ließ schon eine mystische Stimmung aufkommen und erahnen, dass uns gleich etwas ganz Besonderes bevorstehen würde. Da die Höhle sozusagen ihr eigenes Klima besitzt beschlugen auch kurz nach Eintritt in die Dechenhöhle meine Brillengläser und wir freuten uns schon, dass es in der Höhle anscheinend wärmer war als noch draußen. Doch weit gefehlt, der erste Eindruck täuschte dann doch, wie sich im weiteren Verlauf des Abends noch herausstellen sollte.
Weiter hinten in der Höhle angekommen war ein Stand, welcher für das Publikum entweder Punsch oder Glühwein bereithielt, was wir natürlich gerne angenommen haben, um uns daran etwas aufzuwärmen. Die "Bühne" war in einem etwas größeren "Raum" der Dechenhöhle platziert, vor der einige Stühle für die zahlreichen Besucher bereitstanden. Anscheinend hatte schon eine Menge Leute direkt vor dem Eingang der Höhle gewartet, denn die meisten Plätze mit guter Sicht auf das Geschehen waren bereits belegt. So blieb uns dann nur noch ein Platz am Rande, von dem man durch einen Stalagtiten, der einfach so in der Höhle stand, keine sonderlich gute Sicht hatte. Doch es ging bei diesem Event ja auch viel mehr um die Musik, die uns Amenra und Steve von Till heute präsentieren sollten!
Ich entschied mich dann aber doch kurz vor Beginn des Konzertes von Amenra einen Stehplatz mit etwas besserer Sicht einzunehmen. Von hier aus hatte ich eine leicht bessere Sicht auf die Bühne und erhoffte mir ein paar nette Fotos von diesem Konzert. Das Ganze wurde dann noch dadurch belohnt, dass ein Roadie von Steve von Till sich selbst und auch mir einen Stuhl aus den hinteren seitlich gelegenen Reihen mitbrachte. An dieser Stelle noch mal einen herzlichen Dank an den netten Mann mit dem Rauschebart! Kurz darauf erschien auch schon ein Mitarbeiter der Dechenhöhle, der ein paar einleitende Worte zu dem bevorstehenden Konzert und einige Verhaltensregeln innerhalb der Dechenhöhle an uns richtete.
Und dann war es "endlich" soweit und die fünf Musiker der belgischen Gruppe Amenra betraten die Bühne. Wie ja schon im Vorfeld publiziert wurde spielten Amenra an diesem Abend ein exklusives Acoustic-Set. Wer den "normalen" Output der Band kennt weiß, dass Amenra ansonsten eher der härteren Sludge-Doom-Post-Hardcore Ecke angehören und diese auf Ihren Konzerten mit aller nötigen Härte vortragen. Gegründet haben sich Amenra im jahre 1999 im belgischen Kortrijk, das erste Album Mass I erschien dann 2003. Vor nicht all zu langer Zeit veröffentlichten sie die EP Afterlife, auf der ausschließlich ruhige Klänge zu vernehmen sind und Sänger Colin H. Van Eeckhout nicht wie sonst screamed sondern seiner Stimme richtig schöne und sanfte Klänge entlockt.
Ein absoluter Gegenpol zu den sonstigen Veröffentlichungen von Amenra - doch nicht minder schlecht, im Gegenteil! Ich war von Afterlife extrem positiv überrascht, auch wenn dies absolut nicht in mein mir selbst gemachtes Bild passte, welches ich mir ein Jahr zuvor auf dem Dour-Festival beim Auftritt von Amenra von der Band gemacht hatte.
Die Bandmitglieder nahmen auf Ihren Stühlen, welche auf der Bühne im Halbkreis angeordnet waren, Platz und griffen sich Ihre akustischen Instrumente, 2 Gitarren - gespielt von Mathieu J. Vandekerckhove und Lennart Bossu - und ein Bass. Sänger Colin rückte sich sein Mikrofon zurecht und der Drummer setzte sich hinter sein Schlagzeug, welches aus Platzmangel allerdings vor der Bühne seinen Raum für heute fand. Er kehrte somit dem Publikum den Rücken zu und konnte Augenkontakt zu den anderen Amenra-Musikern halten. Als erstes begannen Amenra ihr Set mit dem Opener von der Afterlife EP, und zwar mit dem Titel The Dying Of Light. Dieser Song zählt eher zum ruhigerem Schaffen der Band und ging dann nahtlos in Wear My Crown von der Afterlife EP über. Anschließend folgten zwei extrem reduzierte und ebenso größtenteils akustische Versionen von Songs aus der sonst recht harten Mass-Reihe, wobei bei mindestens einem Song meiner Meinung nach eine oder auch beide Gitarren kurzzeitig gegen ein elektrifiziertes Saiteninstrument ausgetauscht wurde. Der Drummer agierte an diesem Abend ausschließlich mit Besen an seinem minimalistisch ausgestattetem Schlagzeug, Sänger Colins Gesang wurde größtenteils von einigen Halleffekten untermalt.
Amenra beendeten schließlich ihr Acoustic-Set mit dem dritten Song der EP, mit To Go On.: And Live With. Out. - nach leider gefühlt viel zu kurzer Zeit. Doch in dieser kurzen Zeit vermochten Amenra es, die außergewöhnliche Stimmung, die von der Dechenhöhle auch aufgrund der farblichen Beleuchtung ausging, in ihre Musik zu integrieren und eine fast schon spirituelle Zeremonie zu zelebrieren, indem ihre Songs immer epischer und düsterer anmuteten. Die Church Of Ra lässt grüßen! Die Fünf gingen dann wortlos von der Bühne und ernteten großes Staunen und Bewunderung vom Publikum, unterlegt mit einem verdient ausgiebigem Applaus. Einziges Manko,neben der Kurzweiligkeit, war die recht Lautstärke, die gerne noch einen Tick lauter hätte sein dürfen! Dies war aber meiner Meinung nach der Gegenbenheiten der Tropfsteinhöhle anzulasten und nicht der Band oder den Veranstaltern.
Danach packten dann einige fleissige Hände das Equipment von Amenra zusammen und verstauten dieses erst Mal etwas weiter in Richtung des Ausganges. Wir hatten in der Umbaupause Zeit, uns noch einen weiteren Glühwein einzuverleiben, denn mittlerweile war es uns in der Höhle dann doch recht kühl geworden! Das Sitzen auf en Stühlen war nicht wirklich zuträglich für eine gute Durchblutung, und so kroch die Kälte langsam aber sicher tief in Einen hinein. Dann folgte auch schon sehr bald Steve Von Till nebst Helfern und seinem Equipment. Und das Staunen ging weiter! So packte der Harvestman nicht nur ein einzelnes schon sehr überdimensioniertes Gigboard, gespickt mit allerlei Effektgeräten links von sich auf die Bühne. Es folgte noch ein recht umfangreiches weiteres (MIDI?-)Board sowie ein etwas Kleineres zu seiner Rechten, welches "nur" noch ein paar Looper und andere Klangveränderer beinhaltete. Und als wäre dies alles nicht schon genug waren hinter Steve Von Till in einem Rack noch weitere 19"-Einheiten zur Klangveredelung untergebracht sowie zusätzliche Fußtreter als Handgeräte umfunktioniert, welche auf der Rackeinheit Platz funden. Alles in Allem schon ein sehr mächtiger Maschinenpark, der jeden Gitarristen erst mal sprachlos macht, so auch mich!
Nach den Aufbauarbeiten begrüßte Steve Von Till mit einigen Worten das Publikum und verwies dann auf sein "Spaceship", mit welchem er und wir Gäste nun für die nächsten 90 Minuten auf eine Reise gehen würden. Es folgte alsbald der erste Song aus seinen Harvestman-Veröffentlichungen mit dem Titel Amongst The Heather, welches eine gute Einleitung zu Von Tills dronigem Ambient-Projekt darstellt. Ich kannte bisher gar nichts von seinen Solo oder Harvestman-Sachen und konnte somit völlig unbefangen und neugierig das Treiben des Mannes, seiner Gitarre und seinem Spaceship beobachten und auf mich wirken lassen! Eine schöne Erfahrung! Leider gab es direkt zu Beginn einige technische Probleme, die das Spaceship kurzzeitig wieder zurück auf den Boden holte. Von Till versuchte zwar die Panne mit loopenden Sounds ohne Unterbrechnung zu überbrücken, doch dies scheiterte anscheinend aufgrund eines defekten Netzteiles, welches ausgetauscht werden musste.
Doch schnell war das Problem behoben, ein Profi wie er lässt sich durch so etwas auch nicht beirren und es folgte bald darauf eine Mischung aus Steve Von Till Solo-Nummern, die immer wieder mit Klangcollagen und Themen des Harvestman unterlegt wurden. Während des Gigs wechselte Steve Von Till fortwährend die Effekte auf seinen Boards, bringt wieder neue Samples aus seinen Loopern hervor und gönnt sich immer mal wieder einen Schluck aus seiner Tasse. Dabei wird seine wunderschöne hölzerne Telecaster-Gitarre in alle Richtung gewirbelt, aus der er sehr mannigfaltige Sounds herausholt - von dissonanten Noisewänden zu harmonischen Melodiefolgen und Klangcollagen der unterschiedlichsten Art und Weise, immer wieder unterlegt mit den Folk-Anleihen seiner Solo-Sachen. Die Lautstärke bei seinem Gig war auch noch mal deutlich angehoben im Vergleich zu der bei Amenra zuvor. Bei einigen wenigen Stücken schritt Von Till dann auch ans Mikrofon und schenkte uns zusätzlich seine Stimme. Das Ambiente der Dechenhöhle und die besondere Akustik, die hier herrscht, ließ die Songs in einem ganz besonderen Licht erscheinen und unterstrich die Einzigartigkeit dieses Konzerterlebnisses!
Und in der Tat, nach guten 80-90 Minuten beendete Steve Von Till aka Harvestman mit einem Acapella-Song sein Set und schritt von der Bühne. Das Publikum brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, bevor der Applaus begann. Dieser fiel dann aber auch ausgiebig aus, ebenso verdientermaßen! Die Konstellation der beiden Bands an diesem Abend war absolut treffend zusammengestellt, ganz besonders im Hinblick auf diese tolle Location und die Musik, die uns heute geboten wurde! Amenra wussten durch und durch zu überzeugen und ließen die Gäste teilweise ein wenig beeindruckter zurück als der Auftritt von Steve Von Till. Doch für mich hatten alle Beiden ihre ganz besonderen Qualitäten, die sie mir heute auf höchstem Niveau präsentiert haben, somit gibt es für mich ausgenommen Gewinner, Amenra, Steve Von Till / Harvestmann und wir, das Publikum!
Tracklist Steve Von Till / Harvestman
1. Amonst The Heather
2. Breathe
3. White Horse
4. Spider Song
5. Looking For Dry Land
6. Sundown
7. Night Of The Moon
8. My Work Is Done
9. Martyn
10. Hallowed Ground